• Über den Mund gelange Viren und Bakterien in den Körper

Kann ein Zahnarztbesuch vor COVID-19 schützen?

Was wir uns noch im Februar nicht vorstellen konnten, ist mittlerweile seit mehr als vier Monaten Alltag.

Abstand halten, Schutzmasken beim Einkauf, Reiseeinschränkungen und anderes mehr.

Und auch wir Zahnärzte mussten lernen, mit der neuen Situation bewusst und vor allem verantwortungsvoll umzugehen.

Wir haben diese Zeit in meinem Team sehr gut gemeistert, unsere Patienten waren zu keiner Zeit unwägbaren Risiken ausgesetzt und wir haben den Praxisbetrieb, bis auf kleine Einschränkungen zu Anfang, weiterhin aufrechterhalten.

Was mich als Zahnarzt jedoch sehr beunruhigt hat, waren die teils widersprüchlichen Meinungen der Medien zu einem Arzt- und Zahnarztbesuch.

Trotz Corona zum Zahnarzt

So wurde plötzlich die Frage aufgeworfen, ob notwendige Zahnbehandlungen nicht verschoben oder ganz ausgesetzt könnten. So lange bis alles wieder vorüber sei. Ohne genau zu wissen, wann dieser Zeitpunkt denn eintreffen könnte.

Es wurde überlegt, welche zahnmedizinische Behandlung noch zu empfehlen sei und welche man besser bleiben lasse. Prophylaxe nein, Zahnextraktion ja? Oder wäre es umgekehrt sinnvoller?

In Politik und Medien wurde diskutiert, ob Zahnärzte genauso systemrelevant seien wie etwa Baumärkte.

Wir Zahnärzte hatten und haben dazu eine klare Meinung: Jede notwendige Behandlung, die verschoben wird, kann der Gesundheit des Patienten schaden. Und damit meinen wir nicht nur die Zahngesundheit, sondern die Gesundheit des gesamten Organismus.

Warum das so ist, soll dieser Artikel ein Stück weit erklären.

Die Mundhöhle – Eintrittstor für Bakterien und Viren

Wie mittlerweile jeder weiß, ist eine Virusinfektion überwiegend eine Tröpfcheninfektion. Und somit ist der Mund- und Rachenraum die erste Kontaktfläche, auf die ein potenzieller Erreger beim Einatmen trifft.

Nasenhöhle, Rachen, Zähne, Zahnfleisch und Zunge gehören dazu. Sie sind die natürliche Barriere für alle von außen kommenden Erreger. Wie zum Beispiel SARS CoV-2, besser bekannt unter Corona.

Umso mehr müssen wir Zahnärzte darauf achten, dass dieser Bereich gesund erhalten wird.

Und unsere oberste Priorität ist eine sinnvolle und erfolgreiche Prävention in Form von Prophylaxe. Denn nur eine gesunde Mundhöhle mit intakter Schleimhaut, bedingt durch gute Mundhygiene, stärkt die Immunkompetenz am Entstehungsort der Virusinfektion. Und hilft letztendlich diese zu vermeiden.

Da wäre zu allererst das Zahnfleisch zu nennen.

Das ist im Idealfall rosig und gut durchblutet. Es liegt straff an allen vier Seiten des Zahnes an und schützt den Zahnhals und die Zahnwurzel vor eindringenden Fremdkörpern, wie Bakterien und krankmachenden Erregern, wie zum Beispiel Viren.

Doch was ist, wenn das Zahnfleisch nicht gesund ist? Seine Funktion daher nicht oder nur ungenügend erfüllen kann?

Erhöhtes Risiko für Virusinfektion bei Parodontitis

Eine der größten Volkskrankheiten der Deutschen ist die Parodontitis. Circa 70 Prozent der deutschen Bevölkerung leiden unter dieser Krankheit. Manche nur leicht, andere wiederum sehr schwer.

Eine Parodontitis ist eine Entzündung, die unterhalb des Zahnfleischsaumes lokalisiert ist. In den Zahnfleischtaschen. Wir Zahnärzte nennen das subgingival. Sie sind schwer erreichbar, gut durchblutet und damit der ideale Nährboden für Bakterien.

Ein Mensch, der unter einer fortgeschrittenen Parodontitis leidet, hat, deutlich ausgesprochen, eine offene, entzündete Wunde im Mund. Wenn alle Zähne betroffen sind, ist die Wundfläche fast so groß wie die Handfläche eines ausgewachsenen Mannes. Oder messbar ausgedrückt – 40 Quadratzentimeter.

Wer von Ihnen, liebe Leser, würde eine solche Wunde, wäre sie sichtbar, unbehandelt lassen? Ich vermute niemand.

Was auch vollkommen einleuchtend ist, denn eine solche Wunde ist die ideale Brutstätte für Bakterien. Oder eben der ideale Eingang für Viren.

Was erschwerend noch hinzukommt, ist, dass eine solch dramatische Mundsituation den Verlauf einer Coronainfektion extrem verschlechtert.

Mittlerweile haben Auswertungen und Untersuchungen gezeigt, dass dort, wo Menschen aufgrund ihres Alters oder ausgelöst durch eine Parodontitis einen schlechten parodontalen Status hatten, eine Infektion mit COVID-19 in vielen Fällen dramatisch bis tödlich verlief.

Parodontitis – die schleichende Krankheit

Das Verhängnisvolle an einer Parodontitis ist, dass sie nahezu schmerzfrei abläuft. Sie beginnt mit Zahnfleischbluten, leichter Schwellung des Zahnfleisches und schlechtem Atem.

Dass die Zähne im Laufe der Jahre etwas länger werden, schreibt man dem fortgeschrittenen Alter zu. Dabei wachsen Zähne nicht mehr, lediglich das Zahnfleisch zieht sich aufgrund der parodontalen Entzündung zurück. Der Zahn wirkt dadurch länger.

Irgendwann einmal kommt das schmerzhafte Ziehen, wenn man etwas Kaltes trinkt oder ein Eis isst. Und auf einmal sind die Zähne locker, sie wackeln.

Allerspätestens jetzt ist jedem klar, dass das nicht gesund sein kann. Und eine Untersuchung beim Zahnarzt bestätigt. Der Patient leidet unter einer schweren Parodontitis.

Dass Parodontitis vor allem eine Knochenkrankheit ist, nicht nur eine des Weichgewebes, erfahren Sie nun von Ihrem Zahnarzt. Auch, dass der Knochenabbau nicht rückgängig gemacht werden kann. Er kann nur noch aufgehalten werden.

Für eine Parodontitis in diesem Stadium gibt es keine Heilung. Lediglich durch eine Parodontitisbehandlung und einer sorgfältigen Mundhygiene kann der zahnerhaltende Status gehalten werden.

Deshalb ist unser oberstes Ziel, eine Parodontitis erst gar nicht entstehen zu lassen. Durch eine gute Mundhygiene, wie die konsequente Zahnreinigung und einer regelmäßigen zahnmedizinischen Prophylaxe, wie die SOLO-Prophylaxe, versuchen wir, unsere Patienten so zahngesund wie möglich zu halten.

Diabetiker leiden im Vergleich häufiger unter Parodontitis

Eine weitere Risikogruppe für Parodontitis sind Menschen, die unter Diabetes leiden. Sie haben, einer aktuellen Studie nach, ebenfalls ein erhöhtes Risiko für eine Parodontitis.

Zu den durch diese Krankheit sowieso schon vorliegenden Gefahren gehört nach neuesten Erkenntnissen auch die erhöhte Gefährdung durch eine Virusinfektion, wie Corona.

So empfiehlt die International Diabetes Federation (IDF), zu den regelhaften Untersuchungen bei Diabetes durch Ihren Arzt eine jährliche Bewertung des Mundraums im Hinblick auf Zahnfleischerkrankungen einschließlich Blutungen während des Zähneputzens oder Inspektion auf Schwellungen hinzuzufügen.

Falls Sie also Diabetiker sein sollten oder seit einiger Zeit unter Zahnfleischbluten, Mundgeruch oder empfindlichem Zahnfleisch leiden, sprechen Sie uns unbedingt an. Denn eine gute Mundhygiene kann hier tatsächlich Leben retten.

Unser Ziel ist Zahngesundheit und -erhaltung, so lange wie möglich. Im Hinblick auf die Gesamtgesundheit unserer Patienten ein Ziel mit absoluter Priorität.

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